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An der Tafel der Demokratie

Beim Aufräumen habe ich heute die alte Einladung zur „Tafel der Demokratie“ gefunden. Da lädt der jeweilige neue Bundespräsident „sein Volk“, vertreten von ~1.500 Menschen, zum Essen und Trinken an einer langen Tafel am Brandenburger Tor ein wird zu Ehren des jeweiligen neuen Bundespräsidenten „sein Volk“, vertreten von ~1.500 Menschen, zum Essen und Trinken an einer langen Tafel am Brandenburger Tor eingeladen. Da uns ja möglicherweise bald wieder eine solche Veranstaltung bevor steht und ich die Ereignisse vom letzten Mal noch gar nicht richtig verarbeitet habe (Danke an die, die mich später im Oberholz in den Arm genommen haben!), erzähle ich euch mal was. Außerdem steht ja immer noch die Aufarbeitung der ganzen Geschehnisse aus Rostock aus, und unsere Iron Bloggerei soll mich endlich motivieren, meine Gedächtnisprotokolle und Notizen hier zu teilen.


Mit Sicherheit

Ich wusste, dass bei der Anmeldung zur Veranstaltung die persönlichen Daten aller Gäste an das BKA gegeben und dort auf Übereinstimmung mit bekannten Terroristinnen, Demonstrationsteilnehmern und anderen Gefährderinnen gerastert werden. Mein Verfahren wurde ja damals eingestellt und der Richter sicherte zu, dass es keinerlei Einträge geben würde. Da nach dem Check keine Rückmeldung kam, ging ich davon aus, willkommener Gast zu sein.

Der Einlass zum Pariser Platz war unspektakulär: An der ersten Kontrollstelle wurde geprüft, ob der Name auf der Einladungskarte mit dem im Personalausweis übereinstimmte. Am zweiten Stopp wurden nach Vorlage der beiden Dokumente die Platzkarten und Eintrittsbändchen vergeben. Beim Einlass auf den Platz wurden die Taschen kontrolliert, in dem die Security entweder fragte, was man denn so dabei hat oder einen flüchtigen Blick in einzelne Taschen warf. Das Gelände war nach außen mehr oder weniger abgeriegelt, es gab aber genug offene, zugängliche Stellen, an denen Gegenstände von draußen nach drinnen hätten gegeben werden können. Außerdem waren angrenzende Hotels und Gebäude teilweise sowohl für Gäste als auch für Passanten zugänglich.

Kommen Sie mal mit!

Nachdem wir unseren Tisch gefunden hatten, drehte ich mit zwei Bekannten einige Runden über den Platz und zum Sektausschank. Etwa 45 Minuten nach unserer Ankunft suchten wir die Toiletten in der Akademie der Künste auf. Als wir wieder auf den Platz zurück wollten, wurden wir von vier Polizeibeamten aufgehalten: „Können wir mal Ihre Papiere sehen?“ Wir zeigte unsere Ausweise. „Frau Ebber, kommen Sie bitte mal mit uns mit.“ Ich war erstaunt: „Warum das denn?“ „Ja, Frau Ebber, Sie sind ja schon mal polizeilich aufgefallen. Kommen Sie jetzt mal mit uns mit.“ „Was soll das denn? Was wollen Sie denn von mir?“ „Wir wollen Ihnen mal ins Gewissen reden und werden Sie außerdem durchsuchen.“

Aha. Ich wurde in einen Polizeiwagen geführt. „Also, Frau Ebber. Heute abend sind wir ja zu Ehren des neuen Bundespräsidenten, Herrn Wulff, hier. Wir gehen davon aus, dass Sie sich hier zu benehmen wissen.“ wurde mir mit erhobenem Zeigefinger und ernster Miene eingebläut. Haha! „Und was soll das jetzt heißen? Dass ich hier nicht rülpsen darf oder was?“ „Doch, rülpsen dürfen Sie schon. Wobei – naja, das sollten Sie eigentlich auch nicht.“ Witzig.

Fassungslosigkeit ob deren Vorgehen. „Und was soll ich meinen Begleitern erklären, dass Sie mich hier rausziehen und durchsuchen?“ „Die haben davon ja gar nichts mitbekommen.“ „Haha, Sie haben mich doch vor den Augen deren kontrolliert, natürlich bekommen die das mit!“ „Na, dann denken Sie sich eben eine schöne Geschichte aus.“

Bitte benehmen Sie sich anständig!

Auf meine vielen Nachfragen, wie sie mich in der Menschenmasse ausgemacht haben, woher sie den Auftrag zum Zugriff haben, wo ich mich über das Vorgehen beschweren kann etc. hieß es nur, ich solle mich ans BKA wenden. „Ich möchte Widerspruch gegen die Durchsuchung einlegen.“ „Können Sie machen, nützt Ihnen aber nichts, wir machen es trotzdem.“ „Dann möchte ich die Veranstaltung jetzt verlassen.“ „Können Sie machen, aber vorher durchsuchen wir Sie.“ Also keine Möglichkeit, weiteren Erniedrigungen zu entgehen. Zur Durchsuchung musste mich bis auf die Unterwäsche ausziehen, meine Tasche wurde komplett auseinander genommen, das volle Programm also. Das alles dauerte ungefähr 10 oder 15 Minuten, als sie keinerlei Verdächtigkeiten feststellen konnten, durfte ich endlich gehen. Zum Abschied bekam ich noch ein „Wir werden Sie den ganzen Abend im Auge haben! Wir gehen davon aus, dass Sie sich entsprechend benehmen.“ mit auf den Weg.

Ziemlich verstört kam ich dann zurück an unseren Tisch. In der nächsten Minute setzte die Nationalhymne ein. Es gab Fleisch in Aspik und Fleisch in Suppe.

 

Nachschlag, on/off topic

Mathias Schindler hat über „Frag den Staat“ eine Anfrage an das Bundespräsidialamt gestellt: Abschrift des Telefonates von Bundespräsident Christian Wulff auf dem Anrufbeantworter des BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann am 12. Dezember 2011. Grandiose Aktion!

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22 Kommentare zu “An der Tafel der Demokratie”

  1. tristessedeluxe am 07. Jan. 2012 um 17:25

    Na, das geht ja schon mal gut los mit dem Geblogge.

  2. Harel am 07. Jan. 2012 um 19:14

    Ouch! Was fuer eine Geschichte :-s

  3. Anja am 07. Jan. 2012 um 20:05

    Das ist wirklich krass. Die laden dich persönlich ein und kommen dann so an? Unheimlich. Wie ging die Geschichte weiter, hast du nochmal nachgehakt?

  4. J am 07. Jan. 2012 um 20:41

    Wie komisch und passend, dass dir jetzt diese Geschichte wieder einfällt. Bei Wulff ist und war halt alles scheiße, nicht wahr?

  5. mtk am 07. Jan. 2012 um 21:10

    Also so eine Vorgehensweise ist schon ätzend, aber was dem Faß den Boden aushaut ist dieser ‚von oben herab‘ – Tonfall. Da holen sich die entsprechenden Herren / Damen einen auf Ihren Status als Staatsdiener runter… vollkommen gruselig und darüberhinaus unprofessionell.

  6. Leif am 07. Jan. 2012 um 22:15

    Frag den Wulff:

    Nachschlag 2: Auf Anregung habe ich eine Anleitung erstellt, nach der jeder ganz einfach weitere brennende Fragen an Herrn Wulff stellen kann unter berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz. Dauert nur 3 Minuten.

    http://exploringthebazaar.wordpress.com/2012/01/07/informationsfreiheitsgesetz-lektion-1/

  7. An der Tafel der Demokratie » antischokke | netzaufstand.de am 08. Jan. 2012 um 00:11

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  8. schneeschmelze am 08. Jan. 2012 um 09:24

    Liest sich ja grausig. :-( Weil Du Dich gewundert hattest, daß es doch „Einträge“ gegeben hat: Die Auskunft, es gebe „keine Einträge“, war wahrscheinlich richtig. Es gibt einerseits das BZR und andererseits die Akten der Staatsanwaltschaft. Letztere enthaltenalle Strafverfahren, die jemals gegen jemand geführt worden sind, also auch diejenigen Verfahren, die nicht ins BZR gelagen. In diesem Fall hat das BKA offenbar auf die StA-Akten zugegriffen. Die bekommt ein Richter normalerweise nicht zu sehen.

  9. Sonntagslektüre | Wulff-Rücktritt am 08. Jan. 2012 um 11:58

    […] indirekte Wulff-Sonntags-Kost vom Blog antischokke: An der Tafel der Demokratie. […]

  10. glamorama:blog am 08. Jan. 2012 um 13:30

    "An der Tafel der Demokratie"…

    Was man sich alles gefallen lassen muss, wenn man vom Bundespräsidenten an die „Tafel der Demokratie“ eingeladen wird, weiß die Antischokke zu berichten: ?Ich möchte Widerspruch gegen die Durchsuchung einlegen.? ?Können Sie machen, nützt Ihnen aber ….

  11. Wulff konnte nichts dafür, wollte „zwischen Bürgern und Politik vermitteln“ | Erbloggtes am 08. Jan. 2012 um 15:04

    […] Ebber: An der Tafel der Demokratie. In: antischokke.de, 7. Januar […]

  12. nicole am 08. Jan. 2012 um 15:20

    Danke für eure Kommentare. :)

    @anja: Zur Tafel wurde ich nicht „persönlich“ eingeladen. Verschiedene Organisationen bekommen ein Kontingent an Einladungen und ich habe eine dieser Einladungen bekommen. Spätestens bei meiner Anmeldung hätte man mich aber ggf. vor solchen Maßnahmen warnen können.

    @Leif: Coole Aktion!

    @schneeschmelze: Danke für die Info, das könnte es erklären. Ich wende mich in den nächsten Tagen dazu ans BKA und frage nach, was genau da über mich noch gespeichert ist. (Hätte ich längst machen sollen, ich weiß, aber die Auseinandersetzung mit dem Thema kostet mich doch einiges an Kraft. Durch den Blogbeitrag und den guten Zuspruch sehe ich mich aber wieder bestärkt, an der Sache dran zu bleiben und auch die Gedächtnisprotokolle aus Rostock endlich aufzuarbeiten.)

  13. Results: 01.01.2012 – 07.01.2012 « Iron Blogger Berlin am 08. Jan. 2012 um 15:51

    […] Nicole Ebber – @antischokke – http://www.antischokke.de/2012/01/07/an-der-tafel-der-demokratie/ […]

  14. Dagger am 08. Jan. 2012 um 18:23

    Auch das ist Deutschland…

  15. Pavel Richter am 08. Jan. 2012 um 20:07

    Die Tafel der Demokratie wird nicht *vom* Bundespräsidenten veranstaltet, sondern zu seinen Ehren. ändert aber nix daran, dass das sowas von unglaublich ist, was da passiert ist….

  16. nicole am 08. Jan. 2012 um 20:28

    @Pavel danke, stimmt, das war nicht korrekt formuliert, ich hab’s jetzt geändert.

  17. form am 08. Jan. 2012 um 22:27

    Danke für die Mühe, das alles festzuhalten und viel Erfolg wünsch ich.
    Beste Grüße

  18. Wulff konnte nichts dafür, wollte „zwischen Bürgern und Politik vermitteln“ « // NachrichtenPirat // am 09. Jan. 2012 um 13:06

    […] Ebber: An der Tafel der Demokratie. In: antischokke.de, 7. Januar […]

  19. WMR34 – Frohes neues » Wir. Müssen Reden am 10. Jan. 2012 um 18:33

    […] – Wulff-Affaire und die Presse – bezahlen für Kreativleistungen oder nicht? – Antischocke an der Tafel der Demokratie? (wir twitterten im Gerichtssaal und der Diskurs in der Rechtswissenschaft dazu.) – Was wäre echte […]

  20. nicole am 11. Jan. 2012 um 00:11

    Mittlerweile haben Max und Michi auch „antischokke“ richtig geschrieben in ihrem Blogpost. Ab 01:39:00 wird’s interessant. :)

  21. Results for week beginning 2012-01-01 « Chaosblog Ironblog Skripttest am 12. Jan. 2012 um 13:31

    […] An der Tafel der Demokratie […]

  22. Iron Blogger_innen rocken los! » antischokke am 14. Jan. 2012 um 17:49

    […] eigener Sache: Danke für die ganzen Kommentare und eure Anteilnahme zum meinem Artikel über die Tafel der Demokratie! Darüber zu schreiben hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, aber die Reaktionen (Hallo […]

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