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Wie alles anfing.

Mit Computern und Internet hatte ich früher nix zu tun. Also fast nix. Immerhin hatte mein Lieblingsbruder einen C64 und später einen Amiga 500 (in worten: füffzichtrillioben, sagt Domi). Da haben wir stundenlang gezockt, ich am liebsten Giana Sisters, Boulder Dash, Mafia und Henry’s House. Und ich hab mal aus so nem Heftchen Code abgeschrieben, der dann Text (war das da auch „Hallo Welt“?) auf den Bildschirm geschrieben hat. Große Freude! An der Schule gab es eine Informatik-AG, aber da waren nur so Jungs drin, mit denen wir von der Raucherecke nix zu tun hatten. Und für Mädchen war das sowieso schon mal gar nix. Tatsächlich war ich damals eher das, was man gemeinhin „technologiefeindlich“ nennt. Neumodisches Zeug, Überwachung, alles böse, braucht kein Mensch.

1996-1999

1996. Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung zur Bürokaufrau gemacht. Echt. Wunschstudium war wegen NC erst später möglich, und die Null-Bock-Phase hielt mich von größeren Sprüngen ab. „So eine kaufmännische Ausbildung ist doch auch was handfestes, Mädchen!“ Beim Vorstellungsgespräch hat mein Chef gesagt: „OK, du kannst hier anfangen. Aber nur, wenn du dich in die ganzen Computerdinge einarbeitest.“ Klar, mach ich. Die meisten Programme liefen da noch im Terminal. Was mit „Kermit“. Meine erste Tabelle in WordPerfect. Erstmal verstehen, dass der Cursor immer nur da blinken kann, wo man entweder mit Space oder Tab oder Enter hintastet. Klar, Schreibmaschinenkurs hatte ich immerhin gemacht, macht man halt so aufm Land. Pflichtprogramm, wie Tanzkurs.

VHS- und IHK-Kurse in Excel, Access, PowerPoint, Visual Basic, SQL. Was da alles möglich war. Excel und Access haben mich total fasziniert. Das alles. Wow! Wieso erst jetzt? Dann Internet. T-Online. Ich an einem der beiden einzigen Rechner im Büro, die Internet und E-Mail konnten. Dann die Frau von meinem Chef: „Nicole, kennst du eigentlich GMX?“ „Nee.“ „Da kannst du VON JEDEM BELIEBIGEN Computer deine E-Mails abrufen. Egal wo du bist. Mach dir da mal ein Konto!“ Gemacht. Und direkt noch eins bei Compuserve. E-Mails zuhause auf dem ersten eigenen Tchibo-Computer vorgeschrieben, auf Diskette gezogen, im Büro dann verschickt. Empfangene Mails ausgedruckt und mit nach Hause genommen. Machen manche heute immer noch so.

Zuhause bekamen wir 1997 oder 98 Internet. Die Eltern waren im Urlaub und hatten mir 150 Mark Haushaltsgeld dagelassen. Die habe ich umgehend in ein 56k-Modem umgesetzt. Und die sturmfreie Bude genutzt, um stundenlang in EdenCity rumzuchatten.

1999. Nach der Ausbildung dann unser komplette Waren-, Bestell-, Rechnungs- und Mahnwesen auf MS-Access umgestellt. Icke. Bisschen mutig von meinem Chef. Hat aber funktioniert. 2000 hat mein Chef mir angeboten, dass ich eine mehrjährige Weiterbildung bei der IHK zur Sysadmina oder sowas mache. Tolle Aussicht! Aber ich musste da raus. In meinem Abi-Jahrbuch steht bei mir unter „Zukunft“ nur ein Wort: „Köln“. Das musste ich jetzt machen. Ansonsten würde ich in der Provinz versauern. Ich wollte unbedingt was mit Computern und Wirtschaft machen, aber Wirtschaftsinformatik oder European Business Studies passten mir nicht (zu viel Mathe, zu viele Kasper).

2000-2005

2000. Ok, zurück auf Start. Einfach das machen, was ich nach dem Abi schon vorhatte: Übersetzen und Dolmetschen studieren, in Köln. Vokabelmäuschen. Schnell gemerkt, dass das doch nicht geht für mich. Dann durch meinen Bruder (Arbeitsagenturen und Studienberater waren damals noch nicht so auf Zack) den Studiengang Informationswirtschaft an der FH Köln entdeckt. Das isses!! Wieso hat mir davon nie jemand erzählt?!

2002. Erstes Semester. Damals noch mit den Bibliothekaren zusammen. Elektronische Datenverarbeitung. Peripheriegeräte. „Gehen Sie mal mit der Maus hoch.“ (Hebt die Maus an.) „Hm, passiert ja garnix.“ Oder, Typ so „Wie isn das, haben denn Flachbildmonitore auch eine Bildröhre?“. Facepalm gab’s damals noch nicht. SQL haben wir da noch an der Tafel gelernt. Immerhin nix mit Bollerwagen. Das Studium war im Grunde toll. Wirtschaften nicht mit Äpfeln sondern mit immateriellen Gütern. Informationsparadoxon. Wissensmanagement. Thesauri. Urheberrecht. Nur fehlte mir damals noch der Bezug zur Wirklichkeit. Zu meiner Wirklichkeit. Nie war die Rede von Kollaboration, Web 2.0, Blogs, Wikis. Portale waren das Big Thing. Unser Jobprofil war eher in Beratungsfirmen, Handelsunternehmen und Recherchediensten angesiedelt. Alles nicht uninteressant, aber es hat noch nicht „Klick“ gemacht.

2005-2006

Klick machte es 2005. Gerade habe ich die beiden Economist-Artikel wieder aus meinen Uni-Ordnern rausgekramt, die Schuld sind an meinem weiteren Lebensweg: Digital Dilemmas und A fine balance. Damals hat unsere Dozentin sie für uns aus der Printausgabe kopiert, jetzt finde ich sie mit einem Klick im www. Digital Dilemmas beginnt mit der Declaration of the Independence of Cyberspace von John Perry Barlow. In A fine balance ist die Rede von einem gewissen Lawrence Lessig, der das Copyright reformieren möchte.

With the help of governments, big entertainment companies are trying to “control everything that we know”, Mr Barlow says. “The fight about this will, in my view, determine the future of humanity.” Lawrence Lessig, a Stanford professor who is also a leading commentator on the internet, is almost equally apocalyptic: “The existing dinosaurs are succeeding in stifling the creativity inherent in this new medium.”

Ich war von den Socken. Endlich ergab das ganze einen Sinn. Die beiden Namen habe ich recherchiert und landete unter anderem bei der EFF und – na? – bei Creative Commons. Ich las über die beiden Kämpfer für ein freies Internet, die der Vorzüge der neuen Technologien huldigen und deren sozialen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft begrüßen. Habe unzählige Links an meine Lerngruppe geschickt. „Ey, kuckt mal hier, ist das nicht unfassbar genial!?“ „Wow, das hier hab ich auch noch gefunden, das ist der Burner!“ (weiß nicht, ob es Burner damals schon gab, denkt euch einfach was zeitgemäßeres). Keine Reaktion. Doch nicht so aufregend? Doch! In Creative Commons habe ich mich eingelesen und reinverliebt. Endlich etwas, was mein Studium mit meiner Einstellung zu Lebensentwürfen und -ansichten verbindet. Freie Lizenzen, Kreativität, Kultur, und die Menschen dahinter. Die so überzeugt von ihrer Sache waren und sind, dass sie mich mit ihrer Begeisterung mitrissen. Für eine bessere Welt.

2006 stand fest: Ich schreibe meine Diplomarbeit über Creative Commons Lizenzen. Damals kannte das in meinem erweiterten Umfeld noch keiner. Auch keiner meiner Professoren. Wie es weitergeht, und wem ich das, was ich jetzt mache und lebe zu verdanken habe, schreibe ich im nächsten Blogpost.

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19 Kommentare zu “Wie alles anfing.”

  1. Cornelius am 21. Jan. 2012 um 08:21

    <3 wie süß! <3

  2. tastenundtinte am 21. Jan. 2012 um 11:24

    Ruft Erinnerungen an die beiden Computerkabinette meiner Uni hervor. Hach, eines hatte Wartelisten für zwei Wochen im Voraus, das andere lief eher nach dem Prinzip Stuhltanz. Wenn man drin war und auf einem der vier Warteplätze saß, kam erstes Triumphgefühl auf. Schließlich flog alle paar Minuten energetisch die Flügeltür auf, junge Menschen kamen rein, guckten, drehten enttäuscht um… Hehe

  3. ben_ am 21. Jan. 2012 um 11:40

    Toll geschrieben!

  4. cbgreenwood am 21. Jan. 2012 um 15:17

    Feine Schreibe, feine Story … #ilike. Danke übrigens für den Buchtipp vor einiger Zeit :)
    #wherewizardsstayuplate

  5. reinerwein am 21. Jan. 2012 um 15:44

    *schnüff*

  6. Wolf am 21. Jan. 2012 um 15:52

    Super Story. Wunderbar beschrieben.
    Macht einfach Spaß, weil ich so viele Parallelen erkenne… ;)

  7. classless am 21. Jan. 2012 um 16:03

    Bei mir waren’s am Anfang (mit 8 oder 9) die abgedruckten KC-BASIC-Programme in der JUGEND+TECHNIK und dann irgendwann (mit 10 oder 11) der KC 87, den unsere POS zwar hatte, mit dem aber außer meinem Bruder und mir niemand was anzufangen wußte, so daß wir ihn in den Ferien zuhause hatten und an nie fertiggestellten Spielen herumprogrammierten…

    Vielleicht komm ich ja mal dazu, die ganze Geschichte zu erzählen!

  8. nicole am 21. Jan. 2012 um 16:09

    @tastenundtinte und @classless jajajaja, erzählt mehr davon!!

    danke euch allen. :)

  9. vera am 21. Jan. 2012 um 17:29

    Das war es also, was du die Tage auf auf Twitter meintest, als du kramtest. Machma schnell weiter, ist spannend.

  10. Thorsten Roggendorf am 21. Jan. 2012 um 17:35

    Bei mir war der Einstieg social Media. Das war Ende der 80er :)

    Aber von vorn. Ich war ein Daddler. Atari 2600 mit acht oder so, Atari ST, später PC. Meine Mutter war immer schon etwas anders. Sie schrieb an einem Buch und fand keine Leute mit denen sie sich über das Thema austauschen konnte. Dann erfuhr sie von diesen „Brettern“ im „Internet“. So kamen wir Ende der 80er an einen Usenet Zugang. War schon spannend, aber hat mich noch nicht richtig gepackt. Mit Studienanfang ’92 dann eigene Email-Adresse und bald Internet-Zugang von zuhause. Foren, IRC, Email, Daddeln, das Web. Hammer.

    Gegen Ende meines Studiums lernte ich programmieren. Meine Diplomarbeit war dann eine reine Programmier-Arbeit. Auf Suse-Linux Rechnern. Freie Software! Das war es wohl für mich. Gleichzeitig trieb ich mich viel auf einer kollaborativen Veröffentlichungsplattform rum. http://www.kuro5hin.org/, gibt es heute noch. Da konnte jeder schreiben, was er wollte und ein gar nicht mal kleines Publikums hat das gelesen und bewertet. Absolut faszinierend. Zu der Zeit bin ich dann in eine Abteilung für biologische Kybernetik gegangen. Dezentrale Steuerungen (in biologischen Systemen).

    Ich fand damals schon sehr lange, dass vieles in unserer Gesellschaft ganz schön schief läuft. Aber immer nur meckern fand ich scheiße. Also habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen, wie man es anders machen könnte. Freie Software, Foren, Bewertungen, Veröffentlichung durch jedermann, ein soziales Netz im Netzwerksinn, dezentrale Steuerungen. Aus diesem Cocktail mischte ich „Extreme Governing“.

    Kinder bekommen, Ende meiner Uni-„Karriere“, Aufbruch in die freie Wirtschaft. Meine private Utopie ging sehr langsam voran. Vor ein paar Jahren lernte ich dann jemanden kennen, der meine Ideen mochte. Und so kam ich dann dazu, zu versuchen, diese Gedanken zu verbreiten, zu bloggen, zu kommentieren … z.B. hier :-)

  11. Dagger am 21. Jan. 2012 um 17:50

    Schön, schön, schön :)

  12. Moellus am 21. Jan. 2012 um 18:38

    Fein! Ach, so ne Computerei-Chronik ist doch immer wieder ne schöne Nerd-Reflektion. Das muss ich auch mal ins Internetz reinschreiben. :)

  13. Seb am 21. Jan. 2012 um 19:47

    CL-Netz, so 1994 ca. Das war wow. ;) Leider war lustigerweise das CL-Netz dem „freien“ Internet ggü. sehr kritisch eingestellt. Und wurde damit dann sehr fix bedeutungslos. Aber, hey. Immerhin.

  14. Seb am 21. Jan. 2012 um 19:49

    Ähm, achso, es geht um Computer allg., nicht nur Netz. Na das war in den 1980er, als ich bei einem Nachrichtenkorrespondeten in einer Europäischen Hauptstadt gezeigt bekam, wie man Textzeilen einfach digital ausschneiden und an anderer Stelle wieder einfügen kann. Und dann per kryptischer Datenleitungstechnk in ein anderes Land schicken. Das wollte ich auch haben.

  15. Der kleine Bruder am 21. Jan. 2012 um 21:16

    Feine Sache Schwesterherz.

    Der C64 steht glaube ich sogar noch funktionstüchtig bei den Eltern auf dem Dachboden.
    Ich bezweifel nur, dass die Disketten noch laufen. Den Diskettenlocher müssten wir aber auch noch irgendwo rumfliegen haben.

    Egal. Weiter so!

    LOAD „antischokke“,8,1

  16. Results for week beginning 2012-01-15 « Iron Blogger Berlin am 22. Jan. 2012 um 00:33

    […] Wie alles anfing. […]

  17. slurm23 am 22. Jan. 2012 um 18:22

    Genial – ich bin schon auf den nächsten Blogpost gespannt! Zumal ich einen ganz anderen „Weg“ hinter mir habe. Ich wäre dann wohl so einer gewesen, denn du von der Raucherinsel aus belächelt hättest… Aber Ende Geek, alles Geek! :-D

  18. nicole am 22. Jan. 2012 um 18:26

    @torsten: schöne geschichte, danke!
    @seb und moellus: bin auf weitere geschichten gespannt.
    @dasebb yeah!
    @slurm23: hihi, lustig: schreib mal auf!

  19. Was zu feiern: 10 Jahre Creative Commons » antischokke am 22. Nov. 2012 um 23:58

    […] die dann noch immer mit der Notlösung GNU FDL rumdoktern würde, sondern auch mit mir persönlich. Seit ich damals im Studium den Economist-Artikel über Lawrence Lessig und seine Lizenzen las, ist so irre viel […]

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