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BarcampCologne – Review

Ich wollte ja schon längst was über das BarcampCologne bloggen, aber aufgrund widriger Umstände komme ich erst heute dazu.
Es war wunderbar. Ich bin ebenfalls immernoch geflasht von der Atmosphäre und der wunderbaren Wissensvermehrung. Das schicke “Auch für Mädchen”-Banner hat nur scheinbar keine große Wirkung gezeigt. Wir waren gefühlte 10 Frauen unter ca. 130 Männern. Na gut, immerhin. Für Britta und mich war es ein hervorragender Anlass, mal aus unserem Diplomarbeitsdschungel auszubrechen und auf ein paar andere Gedanken zu kommen.

Ein paar Stichworte zu den Sessions, die ich besucht habe:
Collective Intelligence
Zwei neue Worte hab ich gelernt:
Crowdsourcing - das Outsourcen von Arbeitsprozessen an viele Menschen, wie z.B. bei der Kartierung von Marskratern (NASA Clickworkers). Spannendes Ding.
Captcha-Sweatshops: Spamverbreiter stellen Menschen an, die den ganzen Tag nix besseres zu tun haben als Captchas zu knacken. Krass!
Die Diskussion uferte am Ende ein bisschen aus in Richtungen wie: Soziale Aspekte, Einstein, Marketing, Motivation für Schwarm-Intelligenz usw. Bleibt die Frage: Wo sind die Grenzen zwischen kollektiver Intelligenz, Wissen und Kollaboration?

Creative Commons International
Catharina und Tessi von Creative Commons International haben über die internationale Arbeit von CC gesprochen. Glücklicherweise konnte ich eine Woche vor Abgabe keine herausragenden neuen Erkenntnisse gewinnen. Das wäre auch schlimm gewesen… Es ist aber mal wieder interessant zu sehen, wie die Intention von Creative Commons beschrieben wird. Mir fällt es immer sehr schwer, in wenigen prägnanten Worten zu vermitteln, was CC überhaupt ist, macht und will. Aber ich arbeite daran. Fazit der Session (und glücklicherweise komme ich auch in meiner Arbeit zu diesem Ergebnis) war, dass der noch fehlenden Anerkennung der Lizenzen vor Gericht, der Interoperabilität der Lizenzen mit anderen freien Lizenzen und dem mangelnden Bewusstsein der Öffentlichkeit unbedingt entgegengewirkt werden muss. Eine Idee war es, einen Fake-Prozess vor Gericht zu provozieren. Super! Wer machts?

Second Life
Leider war der Raum zu klein und stickig, so dass wir uns nicht die ganze Session ansehen konnten. Ich hatte vorher zwar den Begriff schonmal gehört, konnte mir aber nicht viel darunter vorstellen. Second Life ist eine virtuelle Welt, in der man als Bewohnerin sozial oder auch kommerziell mit anderen interagieren kann. Geschäftsmodelle aus dem First Life werden hierher übertragen, man kann Klamotten kaufen, Grundstücke, einen Raketenrucksack usw. Es gibt ein Auditorium, wo Vorträge gehalten werden und im Januar sogar Lawrence Lessig über sein Buch Free Culture reden wird. Am Ende kann man sich die virtuelle Version sogar von ihm signieren (im Sinne von Autogramm) lassen. Verwirrend, verrückt, abgefahrn das Ganze! Die beste Frage lautete: Und was ist eigentlich das First Life?

Einfluss von Web 2.0 auf Politik und Gesellschaft
Hier wurde ein Vergleich zwischen der US-amerikanischen und deutschen Netzöffentlichkeit gezogen. Warum bloggt in Deutschland kaum jemand politisch? Man trägt seine partei-politische Haltung hier nicht so nach außen. Als Beispiel ist mir eingefallen, dass z.B. meine Eltern oder andere Bekannte der älteren Generation nie geäußert haben, was oder wen sie wählen. Darüber spricht man nicht…. Es wurde die These aufgestellt, dass die Medienlandschaft in den USA ein geringeres Meinungsspektrum hat als bei uns in Deutschland. Deswegen weichen die Menschen dort eher auf alternative Kanäle aus und es bilden sich Gegenöffentlichkeiten heraus. In öffentlichen Verwaltungen oder Parteibüros fehlt es definitiv noch an der Kompetenz und Bewusstsein für das Web 2.0 Gedöns. Hier würden Leute zum Medienexperten auserkoren, die einmal für eine Zeitung geschrieben haben. Die “allgemeine Politikverdrossenheit” spiegelt sich auch im Netz wider. Gepaart mit Netz2.0verdrossenheit kommt halt nix gutes bei rum. Weitere Statements dazu im Wiki.

Polizei und Web 2.0
The almost legendary Polizei 2.0 Session. Gestartet ist Guido Karl mit einem Spot von Klicksafe. Dann gings weiter mit dem “Amoklauf” von Emsdetten: Schüler bringen sich in Gefahr bringen, wenn sie anstatt vor dem Schützen wegzulaufen auf ihn zurennen, um alles mit dem Handy zu filmen. Youtube lässt grüßen. Weiter ging es mit dem Beispiel einer 14-jährigen, die sich betrunken dabei hat filmen lassen, wie sie einem Jungen einen bläst. Das Video wurde ebenfalls bei Youtube hochgeladen. Wie kann die Polizei gegen solche Sachen vorgehen? In dem 500-Seelen-Dorf ist das Mädchen jetzt Gesprächsthema Nummer 1 und sollte sich wohl eine neue Identität zulegen. In Second Life wärs möglich. Gute Überleitung. Die Session endetet mit dem Vorschlag, eine Polizeiwache in SL zu eröffnen. Hihi. Zweiter Vorschlag waren Polizei-APIs auf ebay, sevenload usw. Die Online-Anzeigenannahme gibts ja schon. Auch hier das Fazit: Medienkompetenz auf Seiten der Polizei und der Öffentlichkeit fehlt. Mehr dazu im Wiki. Und Herr Karl bloggt jetzt auch!

Anonymität im Netz
Fukami, BeF und Scotty haben direkt im Anschluss an die Polizei 2.0-Sache zum Thema “How to exit the Matrix” vorgetragen. Zentrale Frage: Wie können wir uns anonym im Internet bewegen? Z.B. mit technischer Hilfe von TOR oder JAP und menschlicher Vorsicht. Die beiden haben zwei interessanten Thesen aufgestellt, die es lohnt, zu posten:

  • Eine freie Gesellschaft muss es sich leisten, einen Teil nicht kontrollieren zu können. Damit wird eine Erstarrung ihrer Strukturen verhindert, die keine Weiterentwicklung mehr zulassen würde.
  • Menschen, die sich beobachtet fühlen, verhalten sich anders als Menschen, die sich nicht beobachtet fühlen. Erstere passen ihr Verhalten so an, wie sie glauben, dass sich alle anderen verhalten.
  • Dann haben die beiden noch folgende imaginäre bzw. fiktiven Personen vorgestellt: Jakob M. Mierscheid (SPD-Fake), Friedrich Gottlob Nagelmann, Edmund Friedemann Dräcker und Reiner Fakeman (den Namen find ich am besten!).

    Semantic Web vs. Microformats
    Wir haben endlich verstanden, was Microformats sind. Glaub ich.

    Virales Marketing
    Moorhuhn war der Aufhänger. Ein riesiger Erfolg, das Spiel verbreitete sich rasant in alle Büros und Heime. Allerdings brachte kaum jemand das Spiel mit Johnny Walker in Verbindung und somit hatte es seine Werbewirkung verfehlt. Wichtiger Anhaltspunkt für erfolgreiches Marketing: Der “Benefit” der durch das Produkt entsteht muss in Verbindung gebracht werden mit dem “Reason why”. Beim Vogelfutter Trill ist der Benefit der gesunde Vogel und der Reason why sind die Jod-S11-Körnchen. Und jetzt kommts, ich bin erschüttert: S11 steht einfach nur für Sonnenblume. Die enthalten Jod, beginnen mit S und haben 11 Buchstaben. Nix hier mit extravagantem Spezialfutter. Sonnenblumenkerne! Wie gemein. Und die Piemont-Kirsche gibts auch nicht in echt. Jetzt muss nur noch jemand kommen und mir erzählen, die Jungs in der Whassup-Sache sind Antialkoholiker.

    Alles in Allem eine rundum runde Sache. Auch als weibliche Nicht-Nerds waren wir auf dieser Unconference sehr gut aufgehoben. Die Auswahl der Vorträge war groß und die Themen breit gefächert, so dass auch politische und gesellschaftliche Themen rund ums Internet nicht zu kurz kamen. Hoffentlich gibts im nächsten Jahr ein BarcampCologne#2. Ein herzliches Dankeschön nochmal an die OrganisatorInnen (falls ich dieses Wort bei einer “Nicht-Konferenz” überhaupt verwenden darf) und alle, die mitgemacht, vorgetragen, gebloggt, geflickrt und sich mit uns ausgetauscht haben.

    Mein persönliches Fazit: Die allgemeine Medienkompetenz muss gefördert werden. Aufklärung über Web 2.0 und allem was dazu gehört müssen stärker forciert werden, es ist zu wenigen Menschen bewusst, was sich hier gerade bewegt. Wir brauchen mehr politische Auseinandersetzung im und mit dem Netz. Diese Überlegungen leite ich zum Teil daraus ab, dass wir so wenige Leute dazu bringen können, sich für Veranstaltungen wie das Barcamp oder Webmontage zu interessieren. Und daraus, dass wir (also dieseR BarcamperIn an sich) teilweise schon denken, dass alles sei mittlerweile Mainstream, während ein Großteil die Bedeutung der einschlägigen Begriffe überhaupt noch nicht erfasst hat. Ich schließe mich Brittas Aufruf an: Das schreit nach Aufklärung.

    Soviel von meiner Seite, es gibt noch unzählige Berichte und tolle Fotos bei Flickr und Sevenload. Ganz besonders möchte ich auf diesen pl0gcast mit Telefoninterviews zum Barcamp-Feedback hinweisen.

    Ich muss weg, ich hab noch eine Verabredung mit Herrn Dräcker!

    flattr this!

    5 Kommentare zu “BarcampCologne – Review”

    1. .dean am 05. Dez. 2006 um 15:13

      heya, freut mich das auch dir der pl0gcast wohl gefallen hat :)
      klasse roundup das wir auch noch verlinken werden.

      irgendwie bist du bei der pl0gbar letzten donnerstag nicht auf die gästeliste gerutscht oder? das werden wir gleich mal ändern sofern du möchtest. so zum “weiterflashen” ;)

      ps: gratuliere zur abgegebenen diplomarbeit (sagt man doch so oder?)

    2. nicole am 05. Dez. 2006 um 16:32

      danke! das roundup lag mir einfach noch auf dem herzen, damit das barcamp nicht so schnell in vergessenheit gerät… und euer pl0gcast hat die ganze sache nochmal schön abgerundet.
      ich hab eure einladung letzte woche bekommen, allerdings ist sie in meinem spamordner gelandet, so dass ich sie erst am freitag gelesen habe… schade schade. beim nächsten mal bin ich gern dabei.
      und danke für die glückwünsche. ja, man sagt das so ;-)

    3. Franz Patzig am 06. Dez. 2006 um 06:36

      Schön zusammengefasst. Barcamp Cologne 2 kommt, sucht schon mal die Zelte :D

    4. antischokke » 23C3-Nachlese Tag 4 am 18. Jan. 2007 um 23:14

      […] Mein Fazit über meinen ersten Chaos Communication Congress: Abgesehen von den teilweise überfüllten und stickigen Räumen fand ich die Organisation 1a. Der Preis von 80 Euro hat mich zunächst schockiert, nach Ende des Kongresses fand ich ihn aber durchaus gerechtfertigt. Für noch gerechtfertigter hätte ich allerdings einen StudentInnen-Rabatt befunden. Inhaltlich hatte das Programm auch für Nicht-Nerds einiges zu bieten, langweilig wurde es uns nie. Die Zeitplanung fand ich ebenfalls sehr angenehm, später Start und spätes Ende, dafür nicht so viele langgezogene Pausen zwischendurch. Allerdings ist bei uns das Networken ein bisschen zu kurz gekommen, da wir meistens von einem Vortrag zum nächsten geeilt sind. Im Vergleich zu der fast schon familiären Atmosphäre des Barcamps war die Veranstaltung dafür dann vielleicht doch ein wenig zu groß. Trotzdem: Im Dezember 2007 soll es wieder heißen: Same procedure as last year, Britta! Tags: 23c3, Ausflüge, berlin, information […]

    5. antischokke » Here we go again: Barcamp Cologne #2 am 11. Mai. 2007 um 01:03

      […] bitte. Zur Überbrückung gibts nochmal den Link zum Barcamp Köln #1 sowie zu meinem Review dazu. Aber die erste Regel des sonst eher regellosen Events könnt ihr schonmal beherzigen: You […]

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